Volle Kraft voraus in Richtung regionale Autarkie

29. Feb. 2024 | Allgemein

© Fotos: U.Mittelberger

Volle Kraft voraus in Richtung regionale Autarkie

29. Feb. 2024 | Allgemein

Nachhaltigkeit ist das übergeordnete Thema der zweiten Ausgabe unseres Magazin „Vorarlberger Wirtschaft“. Ein Begriff, der in aller Munde ist und gleichzeitig selten so sehr mit Leben gefüllt wird wie beim Projekt „Energieautonomie Frastanz”.

Im Zentrum steht ein Reststoffkraftwerk auf dem Betriebsgelände von Rondo Ganahl AG, Spezialist für Papier und Wellpappeverpackungen. Wie diese Initiative entstanden ist und was es mit kaskadischer Nutzung auf sich hat, erzählt der Rondo-Vorstandsvorsitzende Hubert Marte.

↗ Herr Marte, wie kam es vor zwei Jahren zur Initiative „Energieautonomie Frastanz”?
Hubert Marte: In Europa haben neunzig Prozent aller Papierfabriken ein eigenes Kraftwerk, wie wir derzeit eines planen. Es ist eine sehr energieintensive Branche: Wir sind Vorarlbergs größter Abnehmer von Erdgas. Lange Zeit haben wir mit dem günstigen Gas aus Russland und anderswo gut gelebt. Doch mit dem russischen Überfall auf die Ukraine wurde die Frage der Versorgungssicherheit immer akuter und die Gefahr einer Stilllegung der Papierproduktion latent. Im Frühjahr 2022 – kurz nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine – haben wir beschlossen, aus dem Gas auszusteigen. Dieser Weg ist – unabhängig von der Invasion – wichtig. Der Klimaschutz hat mehr denn je Priorität, die Zeit der fossilen Energieträger ist abgelaufen. Uns ging es aber auch um eine regionale Autarkie hier vor Ort. Für diese Idee haben wir Partner gesucht und gefunden – die Brauerei Frastanz, die E-Werke Frastanz und die Gemeinde Frastanz.

↗ Um welche Größenordnung von Reststoffen und Energie geht es?
Hubert Marte: In ganz Vorarlberg fallen jährlich rund 60.000 Tonnen wiederverwertbarer Industrie- und Gewerbe- Reststoffe an, die bisher und auch jetzt noch komplett im benachbarten Ausland zu Energie verwertet werden. Künftig können wir 34.000 Tonnen Reststoffe mit dem eigenen Kraftwerk in Energie umwandeln. So komplettieren wir unseren Recycling-Kreislauf. 11.000 Tonnen dieser Reststoffe entstehen bei uns selbst, also rund ein Drittel der benötigten Menge. Der Output des Kraftwerks liegt bei ca. 140 Gigawattstunden Wärmeenergie und ca. 60 Gigawattstunden Strom. Nicht nur wir profitieren, sondern auch andere Wirtschaftsbetriebe vor Ort wie die Brauerei Frastanz und private Haushalte.

↗ Wie hoch ist die Investition und wann wird das Kraftwerk voraussichtlich eröffnet?
Hubert Marte: Die Investitionssumme liegt bei 95 Millionen Euro. An dem Eröffnungstermin 2026 halten wir fest, auch wenn das ein ehrgeiziges Vorhaben ist. Der Baustart ist für das 4. Quartal 2024 anvisiert.

↗ Worin liegen die größten Vorteile des Projekts?
Hubert Marte: Wir haben bislang einen Sammelbetrieb für Altpapier in Hall (Tirol), machen daraus in Frastanz Wellpappe-Rohpapier und aus diesem Papier ökologische Wellpappe-Verpackungen. Diese Verpackungen landen wiederum im Altpapier und werden recycelt. Was den Rohstoff Papierfaser angeht, haben wir den Kreislauf geschlossen. Was aber hinzukommt, ist sozusagen der Rohstoff Energie. Den müssen wir in Form von Gas bislang zukaufen. Mit dem Reststoffkraftwerk sind wir unser eigener Energielieferant und sorgen auch für Sicherheit Die Wurzeln der Rondo Ganahl AG gehen bis ins Jahr 1797 zurück in Sachen Verfügbarkeit der Energie und der Arbeitsplätze. Auch für Frastanz kann es in den kommenden Jahren vorteilhaft sein, eine autarke Energiequelle in der Gemeinde zu haben. Die Energieautonomie ist ja auch für das Land Vorarlberg eines der priorisierten Ziele.

↗ Sie haben vom geschlossenen Kreislauf gesprochen – wie hängen für Sie Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit zusammen?
Hubert Marte: Kreislaufwirtschaft ist für mich ein ganz entscheidender Teilbereich von Nachhaltigkeit. Es geht grundsätzlich darum, Ressourcen zu schonen. Da kommt mein Lieblingsbegriff ins Spiel: „die kaskadische Nutzung”, im Zusammenhang mit Rondo eben am Beispiel der Holzfaser.

↗ Das müssen Sie bitte erklären…
Hubert Marte: Wenn ich eine Holzfaser verbrenne, habe ich sie nur einmal genutzt. Rondo nutzt die Holzfaser im Recyclingkreislauf – wie ein sehr großer Kaskadenbrunnen – bis zu 20 Mal, um das gleiche Produkt herzustellen – nämlich Wellpappe-Rohpapier. Das ist Papier zur Herstellung von ökologischen Verpackungen aus Papier. Erst dann ist der Zyklus abgeschlossen. Zuletzt wird der Rohstoff als Faserschlamm im Kraftwerk in Wärmeenergie umgesetzt.

↗ Wie engagiert sich Rondo in Sachen Nachhaltigkeit abseits des Kraftwerks?
Hubert Marte: Wir nutzen jegliche Energiequellen: etwa mit einer großen Photovoltaikanlage auf nahezu der gesamten Dachfläche unserer Werke, und auch auf dem neuen Parkplatz ist eine Photovoltaikanlage geplant. Wir haben einen geschlossenen Wasserkreislauf in der Papierfabrik. Anderes Beispiel: Wir stellen den Mitarbeitern 140 Job-Bikes zur Verfügung.

↗ Welche kleinen Schritte zur Nachhaltigkeit kann jede und jeder selbst gehen, auch im Privatleben?
Hubert Marte: Ein sehr wichtiges Thema ist der Verderb von Lebensmitteln. Wenn Lebensmittel verderben, ist der gesamte CO2-Input, der bei der Produktion „investiert” wurde, sinnlos gewesen. Nur wegen der Abwechslung heute etwas anderes zu essen als die Reste von gestern, sowas verstehe ich nicht. Ich esse mitunter Lebensmittel über das Haltbarkeitsdatum hinaus. Warum auch nicht, wenn sie noch gut sind? Und natürlich ist zum Beispiel die richtige Trennung von Abfällen ein kleiner, aber wichtiger Schritt. Da nehme ich es als Experte zuhause sehr genau und nerve damit auch manchmal meine Familie etwas (lacht).

Dieser Artikel stammt aus dem Magazin Vorarlberger Wirtschaft Ausgabe #002.

Das Gespräch führte Thorsten Bayer, der seit 2011 als freier Texter und Lektor für Auftraggeber aus Industrie,
Verwaltung, Kultur und Tourismus tätig ist, sowie mit Medien-, PR- und Werbeagenturen zusammenarbeitet.

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