Markus Comploj: „Fehlende Planungssicherheit ist Gift für unsere Wirtschaft“

22. Jan. 2021 | Allgemein

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Markus Comploj: „Fehlende Planungssicherheit ist Gift für unsere Wirtschaft“

22. Jan. 2021 | Allgemein

Der Industrie-Spartenobmann im Gespräch mit der Vorarlberger Wirtschaft über Erwartungen an die Politik und Handlungsfelder in der Covid-Krise.

Auch wenn es nicht leicht ist, diese Krise zu überwinden, was erwarten Sie sich jetzt von der Politik?
Die Politik muss uns Planbarkeit geben. Mit Szenarien und Zielen. Mit dem Erreichen der Ziele müssen Erfolge verknüpft sein. Es geht um die Erreichung der Ziele nicht um Optimierung der Eigeninteressen. Jeder muss mithelfen. Die Politik, wir Unternehmer aber auch jede einzelne Privatperson. Wir in der Industrie machen dies bereits vor. Ganz nach dem Ratschlag von Winston Churchill: „Never let a good crisis go to waste.”

Sollte die Teststrategie überdacht werden?
DieTestkapazizäten gehörenweiter ausgebaut. Was wir für unsere Mitarbeitenden dringend brauchen, sind ganz einfach schnellere Testergebnisse, mehr Akzeptanz von Antigentests und kürzere Absonderungszeiten. Für Mitarbeiter, die als K1-Person eingestuft werden und die keine Symptome haben, muss die Möglichkeit geschaffen werden, nach fünf Tagen Quarantäne Freitestungen mittels negativem PCR-Test zu machen.

Impfen zur Rückgewinnung der wirtschaftlichen Freiheit?
Definitiv. Unternehmerische und gesellschaftliche Freiheit im Einklang mit den gesundheitspolitischen Notwendigkeiten gibt es laut Experten ab einer Durchimpfungsrate von etwa 60 Prozent. Bis wir dieses Ziel erreicht haben, sind Tests die richtige Strategie.

Welche Handlungsfelder sehen Sie noch für den Weg aus der Covid-19-Krise?
Es braucht ein umfangreiches Maßnahmenbündel mit kurz-, mittel- und langfristig wirksamen Aktivitäten. Der Umsatzersatzmussunbedingt auch auf betroffene Zulieferbetriebe – wie jene der Lebensmittelindustrie – ausgedehnt werden! Der neue Ausfallsbonus wird ab Jänner 2021 als Ergänzung des Fixkostenzuschuss II einen wesentlichen Beitrag zur schnellen Liquiditätshilfe leisten. Damit ergänzt der Ausfallsbonus die bestehenden staatlichen Unterstützungsinstrumente wie dem Fixkostenzuschuss, und dem, vor allem für große Unternehmen wichtigen Modell des Verlustersatzes, mit bis zu drei Millionen Euro.

Die Investitionsprämie wurde positiv aufgenommen. Gibt es noch Verbesserungspotentiale?
Absolut, wenn durch den neuerlichenLockdown bereits beantragte Großinvestitionenverzögert werden, müsste die derzeitige Fallfrist mit 28. Februar 2021 für die Setzung der ersten Maßnahmen verschoben werden. Zudem sollte die Investitionsprämie in ihrer derzeitigen Form als Direktzuschuss weitergeführt werden. Eine Alternative dazu wäre eine steuerliche Investitionsprämie oder die Wiedereinführung des bewährten Investitionsfreibetrags.

Sie sind auch ein Verfechter für mehr Digitalisierung und Innovationen. Was ist bei diesen Themen zu tun?
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt hier Maßnahmen zu setzen. Auf Landesebene sollte man den Mut haben, bestehende Strukturenauf ihreZukunftsfähigkeit zu durchleuchten.

Auch in der Forschung und Entwicklung gilt es weiter Akzente zu setzen. Wie könnten die aussehen?
Gerade jetzt muss die Grundlage für die künftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft geschaffen werden. Evaluierungen zeigen die positive Wirkung der Forschungsprämie. Dieses effektive Förderinstrument sollte daher befristet für 2021 von 14 auf 20 Prozent erhöht werden. Für eine Stärkung des Innovationsstandortes wäre eine deutliche Dynamisierung der F&E-Fördermittel in Form einer zusätzlichen Technologiemilliarde für die nächsten fünf Jahre erforderlich.

Sie plädieren auch für Maßnahmen zur Stärkung der Eigenkapitalquote…
Es braucht eine Attraktivierung des Steuersystems bezüglich der Eigenkapitalquote. Die von der Regierung in Etappen geplantenSteuertarifsenkungen für 2021bis 2023 müssten zeitlich vorverlegt werden, umdiewirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise abzufangen. Eine gleichzeitigvorgezogene Körperschaftsteuersenkung auf 21 Prozent erhöht das Eigenkapital und bringt den Unternehmen mehr verfügbares freies Kapital, um bereits budgetierte Investitionen doch durchzuführen, statt sie ins Ungewisse zu verschieben – wir haben ja gerade die Planungssicherheit und Investitionspolitik angesprochen. Durch eine begleitende Senkung der Lohnnebenkostenwürde der Faktor Arbeit für Unternehmen entlastet werden und in einem weiteren Schritt zu einem Beschäftigungszuwachs führen.

Nachhaltigkeit gewinnt durch Corona noch weiter an Bedeutung.
Die Vorarlberger Industrie wird in ihrer Vorreiterfunktion im Rahmen der Kreislaufwirtschaft ihre Innovationskraft weiter einsetzen, um gestärkt aus der Krise zu kommen. Dazu braucht sie aber den Treibstoff inForm von Rahmenbedingungen, die eine innovative Weiterentwicklung fördern und die Industrie nicht zusätzlich belasten.

Laufen wir Gefahr, dass unser Zugpferd der Export durch die Coronakrise an Strahlkraft verliert?
Wir haben definitiv alles zu unternehmen, um dies zu verhindern. Die schon für Sommer angekündigten Haftungen für die Kreditversicherer sind leider noch immer nicht umgesetzt. Hier muss endlich eine Lösung im Sinne unserer Exportwirtschaft gefunden werden. In Vorarlberg herrscht eine Dominanz des Handelspartners Deutschland vor. Diese ist in letzter Zeit ein Nachteil, da die deutsche Industrie bereits vor der Krise eine relativ schwache Entwicklung aufwies und bisher eher schlecht durch die Krise gekommen ist. In der längerfristigen strategischen Ausrichtung wäre es notwendig, Maßnahmen zu setzen, die die Bearbeitung dynamischer Regionen außerhalb Deutschlands zum Ziel haben.

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