„Betriebe brauchen Hilfe rasch am Konto“

7. Dez. 2020 | Allgemein

„Betriebe brauchen Hilfe rasch am Konto“

7. Dez. 2020 | Allgemein

Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer über die Unterstützungsmaßnahmen der Bundesregierung, eine schwierige Wintersaison und ein anderes Weihnachten.

Der Lockdown trifft viele Betriebe mit voller Härte. Wird die Unterstützung der Regierung diesmal ankommen?
Mahrer: Die Regierung hat ihre Hilfen für die Wirtschaft rasch anlaufen lassen, etwa Härtefall-Fonds oder Corona-Kurzarbeit, und dann richtigerweise nachgebessert. Wir geben laufend Feedback aus den Betrieben weiter und setzen uns dafür ein, dass Hilfen sinnvoll gestaltet sind. Ich bin zuversichtlich, dass die zuletzt präsentierten
Tools greifen werden, jedenfalls muss das rasch passieren. Der Umsatzersatz läuft schon und wird gut angenommen, die Variante für den Handel wurde jetzt auch auf Schiene gebracht. Das geht deutlich schneller als in Deutschland. Wesentlich ist auch, dass
für die besonders stark getroffenen Branchen wie Reisebüros, Veranstalter oder Busunternehmen der Fixkostenzuschuss II beantragbar ist. Zudem braucht es für
indirekt betroffene Zulieferfirmen wie den Lebensmittell-Großhandel oder Veranstaltungstechniker rasch eine Entschädigung. 

Der Fixkostenzuschuss, der jetzt angelaufen ist, ist aber nur eine Schmalspur-Version dessen, was Sie gefordert haben…
Die seit 23. November beantragbare Phase 2 ist mit einem Gesamtfördervolumen von 800.000 Euro gedeckelt. Es ist richtig, dass wir uns für eine weiter gefasste Förderung eingesetzt haben. Umso erfreulicher ist, dass die EU-Kommission endlich grünes Licht für das Modell mit Deckelung bei 3 Mio. gegeben hat. Jetzt wird es wichtig sein, diese rasch beantragbar zu machen. Die Betriebe brauchen das Geld auf dem Konto, da zählt jeder Tag.

Hätte die öffentliche Hand bei den Stundungen nicht noch weiter entgegenkommen müssen?
Wir sind in einer Pandemie, die wir so noch nicht erlebt haben. Da kann niemand ernsthaft glauben, dass die Unternehmen diese Summen von einemauf den anderen
Tag zurückzahlen können. Die jetzt vereinbarten Erstreckungen verschaffen eine Verschnaufpause: Fixiert ist die Verlängerung der Steuer- und Abgabenstundung
von Mitte Jänner auf 31. März 2021, die Verlängerung der USt-Senkung für die Gastronomie, Hotellerie und Kultur bis Ende 2021 und die Verlängerung des Haftungspakets zur Besicherung von Überbrückungskrediten der ÖHT bis Ende Juni 2021. Aber: In einem nächsten Schritt muss der Zeitraum für die Rückzahlung der Stundungen deutlich verlängert werden, indem die gestundeten Zahlungsverpflichtungen entweder umgeschuldet oder mit Ratenzahlungen über mehrere Jahre gestreckt werden.

Müssen sich die Betriebe wegen dem 2. Lockdown nicht auch selbst Kritik gefallen lassen?
Das Krisenmanagement unserer Betriebe hat bisher bestens funktioniert. Im Kampf gegen das Coronavirus ist aber jeder Einzelne gefragt. Wenn die Menschen nicht mittun, nützen die besten Präventionskonzepte der Betriebe und die schärfsten Schutzmaßnahmen nichts.

Ist die Wintersaison überhaupt noch zu retten?
Diese Wintersaison ist sicher die schwierigste, vor der wir jemals gestanden haben, aber die Hoffnung lebt. Die Menschen in Österreich wollen auch heuer Ski fahren. Und unsere Tourismus-Betriebe haben Präventionskonzepte implementiert, alle Maßnahmen mitgetragen und Sicherheits- und Hygienestandards umgesetzt. Wichtig
ist, dass die Infektionszahlen dauerhaft nach unten gehen und dass es Planbarkeit für die Betriebe gibt. Zudem hängt der Wintertourismus viel stärker von Gästen aus dem Ausland ab als die Sommersaison. Damit die kommen, bräuchten wir endlich eine europaweit einheitliche Reise-Regelung.

Und was erwarten Sie fürs Weihnachtsgeschäft?
Die Menschenwerden – heuer vielleicht noch mehr als sonst – das Bedürfnis haben, ihren Lieben zu Weihnachten etwas Gutes zu tun. Es wird kein Sensations-Weihnachtsgeschäft werden, aber hoffentlich passabel. Mein Appell ist, dass die Menschen mit ihrem Einkauf den Handel in Österreich unterstützen. Das geht hoffentlich bald wieder im stationären Handel oder eben digital. Um die Unternehmen maximal zu unterstützen, starten wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium etwas vollkommen Neues: Das Kaufhaus Österreich, die neue rotweißrote E-Commerce-Plattform. Damit sind unsere lokalen Händlerinnen und Händler online leichter zu finden.

Was bedeutet der 2. Lockdown, vor dem Sie immer gewarnt haben, ökonomisch?
Keine Frage, das kostet ordentlich. Die Rezession fällt 2020 noch tiefer aus als noch vor wenigen Wochen erwartet wurde, und die Erholung wird länger dauern. Zumindest gibt es die begründete Hoffnung, dass wir bald eine Impfung haben. Und ich erlebe in der Wirtschaft trotz aller Sorgen viele Mutmacher. Wir sind in der Wirtschaft ein Land der Anpacker und Umsetzer. Corona hin oder her, wir denken auch an die Zeit danach mit Fokus auf Innovation und neue Exportmärkte. Das ist das richtige Mindset, um Krisen wie diese bewältigen zu können.
Die Krise ist auch für die Kammer ein Kraftakt. War waren und sind die großen Herausforderungen?
Unsere Aufgabe istmehr denn je, die Sorgen der Wirtschaft zu artikulieren und schnell Lösungen mit der Regierung zu verhandeln. Da ist uns als WKO viel gelungen:
Beim Härtefall-Fonds etwa über die Ausweitung von Bezieherkreis oder des Förderzeitraums bis hin zu den neuen Umsatzersätzen, die rasch und unbürokratisch
wirken. Ausgezeichnete Arbeit ist mit unseren Sozialpartnern auch bei der Corona-Kurzarbeit gelungen. So ein Modell gibt es in ganz Europa nicht. Und eines kann ich versprechen: Wir werden weiterhin die Finger am Puls der Wirtschaft haben und für passgenaue Hilfen kämpfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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